Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitskonzept Mühle Himmelpfort

Als ich begann, die Unternehmung „Mühle Himmelpfort“ im Spiegel des Begriffs Nachhaltigkeit zu betrachten, waren schnell die ersten positiven Ergebnisse aufgelistet: eigene Photovoltaik, biologische Baumaterialien, Gemüsegarten, regionale Arbeitskräfte etc. Schön, da sind wir ja ganz schön gut aufgestellt. Aber in die gute Laune mischten sich Zweifel und Überlegungen: Gibt es zur Gasheizung eine Alternative? Ist ein neuer Dielenboden nachhaltig, wenn das Holz aus Sibirien kommt?

Gründliche Betrachtung, das wird mit jedem Schritt klarer, braucht eine solche Vielzahl an Informationen, die man individuell u.U. nicht zur Verfügung hat bzw. nicht verarbeiten kann. In unserem Alltag sind unendlich viele Aspekte und Details enthalten bzw. versteckt, die wir nicht sehen und – selbst wenn – gar nicht oder nur sehr schwer beeinflussen bzw. ausschliessen können. Oder an die wir uns in einer radikal nicht nachhaltigen Fassung so gewöhnt haben, daß wir die Alternative nicht sehen, uns nicht vorstellen oder nicht glauben können.

Ein Beispiel kommt vom Frühstückstisch unserer Gäste:

Fast alle Welt, vor allem die junge Generation hat mittlerweile Knusper- oder Crunchmüslis als Standard angenommen. Ist ja auch lecker und deutlich interessanter, als auf nur plattgequetschten Körnern herumzukauen. Aber – u.a. als Mitglied des Nabu über dessen Projekte in z.B. Indonesien – zu wissen, daß auch Biopalmöl voraussetzt, daß vorherige Urwaldbestände abgeholzt wurden, um den Anbau von Ölpalmen zu ermöglichen, auch wenn die dann freilich in Bioqualität gepflegt werden, läßt gibt Anlass, mal viel radikaler zu fragen: Brauchen wir für ein Frühstücks-Müsli im Nordosten Brandenburgs wirklich Palmöl? (Ergebnis: Nein, braucht man nicht!)

Der Teufel steckt im Detail!

Das gilt in punkto Nachhaltigkeit mustergültig. Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist mit der Erfüllung von „Irgendwas-Energiehaus-Standards“ und Einhaltung von chemischen oder physikalischen Grenzwerten oder Labels nicht erledigt.

Also geht es um Annäherungen und Handlungsfelder:

wiederverwendbar

natürlich

gesund/gesundheitsfördernd

ästhetische Qualitäten

handwerklich

regional

sparsam/ressourceneffizient

und das Wichtigste: ohne dauerhafte Beeinträchtigung oder Schädigung von Mensch, Tier, Pflanze und jeglichem ökologischen oder sozialen System

Wo und wie können wir diese Kriterien erfüllen?

Seit mehr als fünf Jahren bauen Brit und ich am Projekt „Mühle Himmelpfort“ und werden stetig weiterbauen. Uns lockt also nicht das „schnell fertigwerden“, sondern der sorgfältige Umgang mit den Details. Darüber entscheiden vor allem die beteiligten Menschen. Von Anfang haben wir uns auf die Suche nach lokalen Handwerkern und Dienstleistern gemacht. Und es ist gelungen: Tolle Arbeiten sind zustandegekommen dank Peter und Wolfgang, Lutz und Helfried, Falko, Christoph und Alex, Gabi, Siska und Sabine, Emil und Marleen. Keiner kam bzw. kommt von weiter her als 30 km.

Und alle haben sich nach und nach auf unsere Materialphilosophie eingelassen:

Bauschaum und Styropor haben absolutes Hausverbot, Zement wird nur für Ausnahmefälle verwendet. Schädliche Materialien wie Farben, Ausgleichsmassen, Bodenbeläge wurden und werden entfernt und – meist als Sondermüll – entsorgt. Und dann wird fast ausschließlich mit natürlichen Materialien wieder auf- und ausgebaut: Lehm, Holz, Kalk, Kork, Hanf, Stroh, Schilf. Das ist eine Entdeckungsreise, die Freude macht und den unglaublichen Vorteil hat, daß fast alles reversibel ist und die Materialien wiederverwendet werden können.

Natürliche Materialien riechen besser, sind ungefährlich bei der Verarbeitung, machen Freude und das fertige Produkt hat eine Lebendigkeit, die heutiges Bauen ansonsten den Materialien auszutreiben versucht.

Durch die Globalisierung haben wir uns daran gewöhnt nach der Herkunftsregion unserer Materialien gar nicht mehr zu fragen und das meiste eben von überall her aber nicht aus der Umgebung. Ein Riesenschreck durchfuhr mich, als ich feststellte, daß sogar ein kleiner Sack Kies aus China stammte. Perverse Welt der Waren!

Unser Basislehm kommt aber aus der Region, Holz, Hanf und Stroh ebenfalls. Kork leider nicht, auch das Schilf hat weite Transportwege hinter sich, obwohl es ja hier in der Region viel Schilf gibt. Aber die Schilfgürtel an den Seen stehen unter Naturschutz, auch um sie als Lebensraum für die Fauna zu sichern. Hm, und wie ist das mit dem Schilf anderswo? Wieder einnmal gerät das Bemühen um nachhaltige Lösungen an eine Grenze: nicht alles läßt sich sorgfältig genug abwägen und frühzeitig genug entscheiden, damit die Weste weiß bleibt.

Für einige Maßnahmen sind gebrauchte Bauteile völlig ausreichend: Fenster und Türen z.B. Das erfordert zwar aufwändige Suche und viel Handarbeit, aber für Brandenburger Fenster braucht es kein sibirisches Lärchenholz.

Und die Möbel, die unsere Zimmer und Wohnungen zieren, sind fast ausschließlich gebraucht. Das wäre nicht möglich ohne unsere unermüdliche Transporteuse Claudia, die ein unglaubliches Geschick entwickelt hat, Touren so zu planen, daß Ihr Auto eigentlich immer voll ist. Und wenn Sie bei uns entladen konnte, war meist spätestens nach 100 km der Laderaum wieder komplett.

So gelingt es das eine und andere Mal, die auch vom Denkmalschutz als total überformt und verändert bezeichneten Gebäude mit älteren Elementen zu bereichern, auch wenn sie natürlich nicht „historisch original“ sind.

Energie

Nicht historisch, aber nachhaltig ist die PV-Anlage, die seit 7 Jahren auf dem Speicherdach installiert ist, und bis heute pro Jahr mehr Strom produziert, als wir verbrauchen. Im Sommer speisen wir fleissig ein und kaufen im Winter wieder zu: bei den Firmen Naturstrom und Greenpeace Energy, die uns bislang garantieren, ausschließlich Strom aus inländischen regenerativen Quellen zu liefern.

Daß wir immer noch Stromüberschuss produzieren, liegt an viel LED und auch am Verzicht auf Dauerbeleuchtung: im Treppenhaus regeln Bewegungsmelder und außen gibt es nur wenig Lampen, damit eine der kostbarsten Qualitäten unserer Region gewahrt bleibt: die Dunkelheit.

Reinigung

Einen radikalen Ansatz hat unser Putz- und Waschmittelfavorit: die Firma Sonett hat eine wegweisende Wassertechnologie entwickelt und liefert ein breites Spektrum an Produkten, die nicht nur hervorragend funktionieren, sondern auch nach Kräutern und ätherischen Ölen riechen. Nach anfangs zögerlicher Verwendung sind mittlerweile alle an der Reinigung Beteiligten überzeugt, daß Hygiene und Sauberkeit ohne synthetische Chemikalien gesünder erreichbar sind.

Zusätzlich haben wir noch ein paar „traditionelle“ Stars entdeckt: Milchsäure (Danke, Andrea!) und „lebendiges“ Wasser, in unserem Fall aus dem Mühlenfließ! Dieses Wasserkommt natürlich, soweit das möglich ist, auch zum Blumengießen zum Einsatz. Und zur Durstlöschung bei unseren Mühlen-Haustieren: die Kater haben sich von Anfang an nicht für Leitungswasser in ihren Schalen interessiert. Kater Elvis hängt seinen Kopf in jede Wanne auf dem Hof, die mit Fließ- oder Regenwasser gefüllt ist. Und unsere Barbet- Hündin Maja macht das – wie Vieles andere – dem Kater nach!

Lebensmittel

Auch die Lebensmittel kaufen wir am liebsten regional: Gemüse beim Biohof Kepos in Altglobsow, Wild aus hiesigen Wäldern bei Peter, dem Jäger unseres Vertrauens, Obst von den Bäumen und Sträuchern der Umgebung (viel sogar handgepflückt und zu köstlichen Konfitüren verarbeitet), aber da ist die Wirklichkeit unseren Ansprüchen oft nicht gewachsen: Das Interesse an eßbarer oder ökologischer Landwirtschaft ist bei Grundstückseigentümern wie Landwirten leider z.Zt. noch zu gering.

Und was regional nicht geht, kommt aus Lieferungen von biologischen Produzenten, häufig mit Demeter-Zertifizierung, so der Käse fürs Frühstück aus Sennereien im Allgäu, die Nudeln von der Fattoria La Vialla etc.

Mülltrennung

für die Gäste des Hauses bereitzustellen ist das Eine. Sie umzusetzen das häufig schwierige andere. Da haben wir noch nicht die ideale Lösung gefunden. Viele Zettel sind es nicht, einführende Dialoge beim Empfang sind es auch nicht. Im Ergebnis gelingt die Trennung schon ziemlich gut, aber wir wären gern perfekter.

Recycling-Papier gehört zu unserem Büro ebenso wie auf den Bildschirmen die Suchmaschine „Ecosia“, die aus erzielten Erträgen Bäume pflanzt.

Gern würden wir auch das Hosting unserer Websites in nachhaltig agierende Hände legen, aber wir wollen die Anbieter noch einer genaueren Prüfung unterziehen.

Die GLS-Bank hat uns hingegen schon seit längerem mit ihrem Konzept überzeugt, das Geld Ihrer Kunden und Genossenschaftler für sinnvolle Projekte zu verwenden. Daß sie überdies mittlerweile zum 7. Mal Deutschlands Bank des Jahres geworden ist, freut uns auch.

Selbst nach den mittlerweile vielen durchdachten Details sehen wir Nachhaltigkeit aber eher als Einstellung zum alltäglichen Tun, denn als Kanon abzuarbeitender Listen.

Nachhaltigkeit geht nicht von heute auf morgen und ist ja auch nicht für sofort. Für uns ist es das Prinzip, fortlaufend die verwendeten Materialien und Techniken zu überprüfen und nach schonenderen zu suchen. In diesem Sinn wird dieser Text auch ständige Fortsetzung und Bearbeitung erfahren.